Neun Punkte für den Start einer Flüchtlingsinitiative

In Deutschland beschreibt ein gesetzliches Durcheinander, durch das Abläufe, Zuständigkeiten, die Versorgung und die Unterbringung von Asylbewerberinnen und -bewerbern geregelt sind, die Rahmenbedingungen für unsere Flüchtlingsinitiativen. 

Leider gibt es keine feste unveränderliche Anleitung für unser Engagement. Zu viele Faktoren sind variabel, zu sehr hängt es auch von den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Flüchtlinge sowie der Freiwilligen ab.

Die folgende Liste soll aufbauend auf meinen Recherchen und Erfahrungen eine Hilfestellung für diejenigen von euch sein, die es auf dem Herzen haben, sich für Flüchtlinge einzusetzen, aber gar nicht genau wissen, wie sie das anfangen sollen.

Alle theoretischen Vorüberlegungen und Planungen werden es jedoch nicht verhindern können, dass die Arbeit mit Flüchtlingen immer auch ein Ausprobieren und Improvisieren ist.

Ich wünsche Euch für Euren Einsatz gutes Gelingen und für alle Begegnungen Gottes Segen!

Bevor ich mich aufmache und auch während der Zeit in der Asylbewerberunterkunft bitte ich Gott, dass er mich leitet und dass er meine Arbeit segnet. Sehr oft werde ich mit Schicksalen konfrontiert, die mein Fassungsvermögen übersteigen. Ich fühle mich selbst hilflos und mein Anliegen kommt mir lächerlich vor. Da tut es gut, zu beten. Es ist nicht meine Verantwortung alle Probleme zu lösen. Das ist Gottes Job. Jesus sendet uns aber mit der Aufgabe unseren Nächsten zu lieben. Das drücke ich in meiner Arbeit, aber auch in meinem Gebet für Flüchtlinge aus.

Um initiativ mit Flüchtlingen in Kontakt zu kommen, gibt es im Grunde zwei Wege. Entweder versucht Ihr die Kontaktdaten von Personen herauszufinden, die sich bereits um Flüchtlinge an Eurem Ort kümmern. Das sind verantwortliche Heimleiter, Sozialarbeiter oder Freiwillige, die sich z.B. in einem Arbeitskreis Asyl für Flüchtlinge engagieren. All diese Personen können Auskunft darüber geben, welche Initiativen es bei Euch bereits gibt und in welchem Bereich Euer Engagement besonders hilfreich wäre. Sie können Euch auch bei Euren ersten Besuchen zur Seite stehen. Dieser Weg ist auf jeden Fall der einfachere und effektivere Weg. Den zweiten Weg empfehle ich dann, wenn es sich schwierig gestaltet, besagte Kontaktdaten herauszufinden, oder wenn es aus anderen Gründen nicht gelingt, eine in die Flüchtlingsarbeit involvierte Person ausfindig zu machen. Dann könnt Ihr Euch allein oder zusammen mit Gleichgesinnten zu einem Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft aufmachen. Als ich zum ersten Mal in die zwei Kilometer von meinem zu Hause entfernte Gemeinschaftsunterkunft gegangen bin, habe ich ein Frisbee, einen Ball, Straßenmalkreide und ein paar Kekse in meinen Rucksack gepackt und bin aufgebrochen. Zwar konnten mich die Kinder, die ich dort antraf, kaum verstehen, doch als ich mein Frisbee aus dem Rucksack zog, leuchteten ihre Augen und sofort entstand ein fröhliches Miteinander. Wenn Ihr nicht wisst, wo es in Eurer Nähe Asylbewerberunterkünfte gibt, könnt Ihr im Landratsamt nachfragen. Dort liegt die Zuständigkeit für die Unterbringung der Asylsuchenden.

Wie bei den meisten sozialen Tätigkeiten ist es auch im Bereich der Flüchtlingsarbeit wichtig, sich zu fragen: Wieviel Zeit will ich investieren? Für meinen ersten Besuch habe ich mir eine Stunde genommen. In jedem Fall, auch wenn ich niemanden treffen würde, wollte ich einfach eine Stunde dort sein. Fortan verbrachte ich jede Woche am Sonntagnachmittag eine Stunde auf dem Innenhof der Gemeinschaftsunterkunft. Bald kannten mich die Kinder und freuten sich, wenn ich kam. Manchmal musste ich eine Weile abwarten, bis sie auftauchten. Manchmal wäre ich am liebsten noch länger geblieben, weil es einfach schön war. Bei allen erfolgreichen Flüchtlingsinitiativen, von denen ich bisher gehört habe, steht am Anfang eine gute Seele, die sich regelmäßig und treu zu den Flüchtlingen aufgemacht hat.

Gerade am Anfang lassen wir uns leicht entmutigen, wenn es keine gemeinsame Sprache gibt. Wenn wir unser Gegenüber noch nicht einschätzen können und Angst haben, falsch verstanden zu werden. Dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie intensiv man kommunizieren kann, auch ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Sobald man sich ein bisschen aneinander gewöhnt hat, wenn ein gewisses Grundvertrauen vorhanden ist, kann man auch mit Händen und Füßen in einen Austausch treten, der gerade bei kleinen Kindern vergessen lässt, dass man sich ja gar nicht mit Worten unterhält. Für Flüchtlinge führt der Weg in unsere Gesellschaft hinein nur über das Erlernen der deutschen Sprache. So sind viele dankbar, wenn sie Gelegenheit bekommen, ihre bisher erworbenen Sprachkenntnisse unter Beweis zu stellen und zu vertiefen.

Nicht, indem wir keine Fehler machen, reifen wir, sondern, indem wir aus unseren Fehlern lernen. Das gilt auch bei interkulturellen Begegnungen im Rahmen einer Flüchtlingsinitiative und da sowohl für uns als auch für Flüchtlinge. Während wir allerdings selbst entscheiden können, ob und wenn ja, in welchem Umfang wir uns auf interkulturelles Glatteis begeben, haben Flüchtlinge diese Wahl nicht. Sie sind herausgerissen aus ihrem vertrauten Umfeld und können nicht einfach nach Hause gehen, wenn ihnen die fremde Kultur zu anstrengend geworden ist. Fremdheitserfahrungen, bei denen sie unsicher sind und Fehler machen, gehören zu ihrem Alltag dazu. Wie schön, wenn sie Vertraute auf ihrer Seite wissen, die ihnen die für sie fremden Eigenheiten unserer Gesellschaft erklären können und die ihnen Fehler verzeihen!

Sobald Ihr einen Überblick darüber habt, wo und wie Flüchtlinge bei Euch leben und welche Initiativen es bereits gibt, solltet Ihr Euch überlegen, was das Ziel Eures Engagements bei den Flüchtlingen ist. Wollt Ihr praktische Hilfen im Flüchtlingsalltag, eine Hausaufgabenhilfe, einen Ort zur Begegnung anbieten? Wollt Ihr einfach zu Euren Gruppen einladen oder etwas ganz anderes anbieten? Eure Entscheidung sollte von dem abhängen, was die Flüchtlinge bei Euch brauchen und wünschen, aber auch von dem, was Euch entspricht und welche Kapazitäten Ihr aufbringen wollt. Indem Ihr Euch ein bestimmtes Ziel setzt und dieses gegenüber den Flüchtlingen und den übrigen Freiwilligen klar kommuniziert, könnt Ihr verhindern, dass Ihr Erwartungen und Hoffnungen begegnet, die Ihr enttäuschen müsst.

Neben dem konkreten Einsatz für Flüchtlinge vor Ort empfiehlt sich die persönliche Beschäftigung mit dem Thema allgemein, um zum einen die asylrechtlichen Verfahren in unserem Land besser zu verstehen und zum anderen von den Erfahrungen anderer Flüchtlingshelfer zu profitieren. Alle Lektüre und Fortbildung wird am Ende jedoch nicht verhindern, dass die konkrete Arbeit mit Flüchtlingen immer auch ein Improvisieren und ein Aushalten von Gefühlen der Hilflosigkeit und Unsicherheit bedeutet.

Um Synergieeffekte zu nutzen und um von der Erfahrung anderer zu profitieren, lohnt es sich, den Kontakt zu anderen Initiativen, zu einem Freundes- oder Arbeitskreis Asyl und zum Landratsamt zu suchen. Gemeinsam sind wir stärker als allein. So ergeben sich auch bestimmte Zuständigkeiten, nicht jeder muss sich um alles kümmern. Einmal jährlich findet das Vernetzungstreffen Jugendarbeit & Flüchtlinge in der EJW-Landesstelle statt. Hierzu sind alle interessierten Ehren- und Hauptamtlichen herzlich eingeladen.

Zur Zeit gibt es in unserer Gesellschaft eine große Offenheit für die Unterstützung von Flüchtlingen. Ein Spendenaufruf in einem Gemeindeblatt oder in einer Lokalzeitung kann viel bewirken.

Zudem gibt es zahlreiche Stiftungen und Organisationen, die gezielt Flüchtlingsinitiativen fördern wollen. Eine aktualisierte Auswahl findet ihr unter der Rubrik "Förderprogramme".

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